"They're just like me" - Der Tellerrand von Wallsocket
[Originally written and handed in on 28-04-2026 as a term paper for a religious studies and ethics class in vocational school. Published here on 20-06-2026]
Teil 1 - Ein Blick hinein
April Harper Grey, besser bekannt unter ihrem Künstlernamen Underscores, ist eine Musikerin aus San Francisco. Schon während ihrer Kindheit begann sie, elektronische Musik zu produzieren und hat unter Einfluss vieler Künstler unterschiedlichen Genres ihren eigenen Stil entwickelt. Bis heute hat sie drei Studioalben und diverse andere Veröffentlichungen herausgebracht, darunter ihr zweites Album mit dem Titel Wallsocket, welches 2023, zuerst über die Plattform Soundcloud und kurz darauf über das Label Mom+Pop, veröffentlicht wurde. Wallsocket ist ein lockeres Konzeptalbum, welches ihre Erfahrungen des Heranwachsens als transgeschlechtliche Frau mit philippinischen Wurzeln, Klassenkonflikt und dem Leben in einer unbedeutenden Kleinstadt des amerikanischen Mittleren Westens behandelt. Musikalisch ist es eine Mischung unterschiedlichster Einflüsse, am prominentesten allerdings Dance-Pop, Indie-Rock und Folk, und das Narrativ dreht sich primär um drei Charaktere aus der fiktiven Kleinstadt Wallsocket im US-Bundesstaat Michigan. Die drei Charaktere sind in den Liedtexten selbst nicht benannt, aus den Beschreibungen zu den Stücken auf der Plattform Soundcloud gehen allerdings die Namen S*nny, Mara und Samantha hervor. S*nnys Stücke drehen sich unter anderem um ihre transgeschlechtliche Identität und den darausfolgenden Konflikt mit ihrer religiösen Erziehung, welche primär in den Stücken Duhhhhhhhhhhhhhhhhh und Geez Louise behandelt werden.
S*nnys Glaube wird explizit zum Thema im dritten Stück namens Duhhhhhhhhhhhhhhhhh. Hier beschreibt S*nny, wie sie an einer mysteriösen Krankheit leidet, welche zwar nicht gefährlich sei, sie aber trotzdem mit allen Mitteln versucht, diese zu unterdrücken. Im Refrain adressiert sie verzweifelt Gott, indem sie ihr Vertrauen in Gottes Plan hinterfragt und zugibt, in ihrem Leid versucht zu sein, den Versuchungen nachzugeben: "Dear God, could you be more subtle next time? And I'll take the bait, 'cause for the very first time in my life I'm fixing to bite". Der Text thematisiert außerdem ihre Furcht, dass es sich bei der Krankheit um eine Strafe Gottes handelt, bei der sie für vergangen Fehltritte büßen muss: "Surely I engaged in some cardinal sin". Der Text bleibt allgemein vage. Nur in der zweiten Strophe wird mithilfe von Anspielungen auf Geschlechtsdysphorie, "I'll cover my chest", und auf Abneigung zu ihrem Namen, "the name of my illness is just one letter short of my own", klar, dass es sich bei der unbenannten Krankheit um ihre sich entwickelnde transgeschlechtliche Identität handelt. Das Lied spiegelt daher den Teil der persönlichen Entwicklung wider, in der eine gläubige Person mit der Situation konfrontiert wird, dass die Identität, zu der sie sich findet, im Konflikt mit der von ihr erlernten religiösen Praktiken ist.
Teil 2 - Ein Blick zurück
Während Duhhhhhhhhhhhhhhhhh einen eher flehenden Ton anschlägt, ist der neunte Track Geez Louise deutlich aggressiver. Dieses Lied bezieht sich auf den geschichtlichen Hintergrund von S*nnys religiöser Erziehung. Ein wiederkehrendes Thema innerhalb des Textes ist das überwiegend katholische Umfeld der Protagonistin: "Eighty relatives in my life, each and every one, a different flavor of Catholic", besonders betont wird allerdings das Leben mit den lang anhaltenden Konsequenzen des spanischen Kolonialismus in den Philippinen und besonders dessen assimilierende Wirkung. So spricht sie zu Beginn davon, "waist-high in murderer's blood" zu stehen, sinnbildlich für die geerbten Traumata der von Kolonialisten ausgeübten Gewalt an frühere Generationen, und singt im Refrain immer wieder "he's just like me, she's just like me, they're just like me".
Die Verbindung zwischen Kolonialismus und dem Thema der Geschlechterdiversität geht wie auch im vorigen Stück eher indirekt hervor. So singt Charakter S*nny in der ersten Strophe zum Beispiel davon, seit 500 Jahren existiert zu haben: In einem Interview mit Natalie Marlin für Paste Magazine erklärt Grey, dass es vor der spanischen Kolonisierung in den Philippinen ein drittes Geschlecht gab. In einer späteren Strophe greift das Lied das Thema der Religion expliziter und schlagfertiger auf: "People like us were among the divine until the cops arrived". Grey erläutert simplifiziert: "They would help other people interact with the spirit world. When the Spanish came over, it slowly got phased out". Dies ist eine der bedeutendsten Aussagen des Albums, da es gegen die in westlich und christlich geprägten modernen Gesellschaften häufige Annahme widerlegt, dass das binäre Geschlecht, nach dem es nur Mann und Frau gibt, eine traditionelle und allgemeingültige Gegebenheit sei, während alles, was aus diesem Denken herausfällt, Teil eines modernen Diskurses sei. Darüber hinaus wird oft die Annahme abgeleitet, positive Entwicklungen in gesellschaftlichen Einstellungen zur Geschlechterdiversität seien nur dank der Offenheit des liberalen Westens möglich und würden in anderen, traditionelleren Kulturen mit Animosität begegnet werden. Grey gibt hierzu also das Gegenargument, dass eine größere geschlechtliche Vielfalt nicht nur Teil von nicht-westlichen Kulturen war, sondern ein Teil eine bedeutende historische und religiöse Relevanz genossen hat und somit beide Seiten dieses Konflikts kompatibel sind.
In einem Artikel für Amnesty International beschreibt Felix Lill den Konflikt in den heutigen Philippinen. Zwar gäbe es einerseits viele Beispiele für hohes gesellschaftliches Ansehen von transgeschlechtlichen Personen, die in vielerlei Hinsicht als Vorbildfunktion in Führungspositionen fungieren, aber auch großflächig, religiös motivierte Ablehnung bis hin zu Gewaltverbrechen und einen Rechtsapparat, welcher in Sachen egalitärer und inklusiver Repräsentation weit hinter vielen anderen Ländern liege. Fill spricht mit der Sozialpsychologin philippinischer Abstammung Brenda Alegre, welche argumentiert, "traditionell existieren in den Philippinen mehr als zwei Geschlechter. [...] Die sehr deutliche rechtliche Diskriminierung haben die spanischen Kolonialherren ab dem 16. Jahrhundert installiert." In einem Blog für Oxfam schreibt auch Aktivist Cheng Pagulayan vom Kontrast zwischen queerer Geschichte der Kultur des Landes und einer "glaring absence of national legislation to protect them". Der Konflikt zwischen eingeborener Kultur und dem Einfluss des europäischen Kolonialismus führte also zu einem Land mit stark widersprüchlichen Einstellungen. Musikerin Grey ist zwar geboren in den USA, spürt jedoch den Konflikt weiter zwischen ihrer religiösen Erziehung und ihrer Identität und kann diesen über die koloniale Geschichte der Philippinen einordnen.
Teil 3 - Ein Blick vorwärts
Geez Louise geht durch viele musikalische Entwicklungen. So klingt das Stück stellenweise wütend, stellenweise frech und nonchalant, stellenweise melancholisch und stellenweise triumphant. Dies kann interpretiert werden als die wirre Gefühlswelt, die sich innerhalb des Charakters S*nny und auch in Künstlerin Grey abspielt. Es drückt eine klare Wut auf ihre jetzige Situation und eine Abscheu auf die Taten der Vergangenheit, gleichzeitig muss sie aber auch akzeptieren, dass dies nun die Lage der Situation ist, mit der sie sich arrangieren muss. Sie kann die Taten der Vergangenheit nicht rückgängig machen, um eine bessere Gegenwart zu schaffen, sondern muss versuchen, ihre Gegenwart so gut wie möglich zu gestalten.
Während der schlussendliche emotionale Eindruck des Liedes einer von Überwältigung und Desorientierung ist, so schafft es Grey doch, eine positive Schlussfolgerung zu ziehen: "He doesn't make mistakes, and I will not be the first one. People like us only follow our lines from His great design". Die Aussage, Gott mache keine Fehler, hat zwar den Effekt, von ihrer religiösen Gemeinschaft in sowohl ihrer Identität als auch ihres Glaubens delegitimiert zu werden, jedoch kann dies als Gelegenheit nutzen, ihren eigenen Weg zu finden und sich selbst zu verwirklichen. Im Gespräch mit Natalie Marlian sagt Grey "I think I believe in God", und bezeichnet Wallsocket als einen Versuch, herauszufinden, wie ihre Einstellung zur Kirche ist und ob sie sich dort noch repräsentiert fühlt. Geez Louise, in allem Gefühlschaos, das der Song repräsentiert, ist ein Versuch, den Schaden der Vergangenheit wieder aufzuarbeiten. Zum einen wird im Zusammenhang mit Kolonialismus oft von Aufarbeitung und Wiedergutmachung gesprochen: "We will continue to fight to reclaim our rightful spaces and ensure that we are all equal and free from discrimination and violence", sagt Pagulayan zur Lage in den Philippinen. Für Grey geht es aber auch um ein persönliches Aufarbeiten, davon, wie sie sich selbst sieht, ihre Beziehung zu Gott und Spiritualität, und wie sie ihren eigenen Platz in ihrer Gemeinschaft findet. Sowohl in einer amerikanischen, weitestgehend katholisch geprägten Kleinstadt als auch hierzulande bietet Grey's Perspektive einen Anstoß, mit dem eigenen Verständnis von Geschlecht und Geschlechterrollen einen weiteren Blick einzunehmen. Während dem modernem Queer-Aktivismus oft die anarchische Tendenz, alle Systeme und Traditionen über den Haufen werfen zu wollen, vorgeworfen wird, ist es hierbei sinnvoll, sich daran zu erinnern, dass die christlich europäische Perspektive nicht die einzige ist und es sich durchaus lohnt, über den Tellerrand hinweg zu schauen. Die in Stein gemeißelte Gegebenheit des binären Geschlechts wirkt sehr schnell nicht mehr so selbstverständlich, wenn man Beispiele sieht, in denen die selbstverständliche Gegebenheit erst durch koloniale Gewalt erreicht werden musste.
Geez Louise taucht im letzten Drittel des Albums auf, als Klimax, in dem der Konflikt zu einem explosiven Höhepunkt eskaliert, allerdings im Umkehrschluss auch als kathartische Befreiung von eben jenen Gewissensbissen. Zwar sind nicht alle Probleme gelöst, aber es wirkt, als lernte sie im Anschluss, damit umzugehen. Der letzte Teil des Albums nach Geez Louise ist zwar immer noch davon geprägt, persönliche und zwischenmenschliche Konflikte aufzulösen, jedoch wirkt die Stimmung nun deutlich weniger angespannt. Das letzte Stück Good Luck Final Girl ist eine kurze symbolische Darstellung, wie die drei Hauptcharaktere, separat voneinander, die Stadt Wallsocket im Zug verlassen. S*nny, nach einer Geschichte geprägt nicht nur von innerlichen Konflikten aber auch von Missbrauch, ausgeübt von denjenigen, die sich ihr Verlangen nach Halt und Anerkennung zu Nutzen gemacht haben, sagt abschließend, "I could always just knock on her door, but I don't need people like her anymore", die finale sinnbildliche Bestätigung, dass sie nun endlich mit sich im Reinen ist.